100 Jahre Bauen in der Schweiz: Vom Massivhaus zum Klimabau

Schweizer Siedlungsraum mit älteren Wohnhäusern, modernen Gebäuden und aktueller Bautätigkeit.

Ein Schweizer Wohnhaus von 1926 und ein Neubau von 2026 erfüllen im Kern dieselbe Aufgabe: Sie sollen Menschen schützen und ihnen einen guten Lebensraum bieten. Technisch liegen zwischen beiden jedoch Welten. Aus massiven Mauern, einfachen Fenstern und handwerklich geprägten Baustellen wurden hochgedämmte Gebäude mit Wärmepumpen, Photovoltaik, digitaler Planung und industriell vorgefertigten Bauteilen.

Dahinter steckt weit mehr als technischer Fortschritt. Wohnungsnot, Wohlstand, Energiekrisen, Raumplanung, Sicherheitsanforderungen und der Klimawandel haben die Schweizer Bauweise immer wieder neu geprägt.

Wer aufmerksam durch Schweizer Städte und Dörfer geht, kann diese Entwicklung bis heute ablesen. Neben einem Wohnhaus aus der Zwischenkriegszeit steht vielleicht eine Überbauung aus den 1960er-Jahren. Wenige Strassen weiter folgt ein saniertes Mehrfamilienhaus aus den 1980er-Jahren und daneben ein Neubau aus Holz, Beton und Glas.

Die Unterschiede sind sichtbar. Noch grösser sind jene, die sich hinter den Fassaden verbergen.

Vor 100 Jahren war ein Gebäude in erster Linie eine handwerklich erstellte Konstruktion. Heute ist es ein komplexes System aus Tragwerk, Gebäudehülle, Energieversorgung, Lüftung, Elektronik, Sicherheitskonzepten und zunehmend digitalen Steuerungen. Gleichzeitig hat sich die Frage verändert, was überhaupt als gutes Gebäude gilt.

Früher waren Dauerhaftigkeit, Wetterschutz und Bezahlbarkeit entscheidend. Heute kommen Energieverbrauch, sommerlicher Wärmeschutz, Erdbebensicherheit, Schallschutz, Barrierefreiheit, Ressourceneinsatz, CO₂-Bilanz und die spätere Wiederverwendbarkeit von Materialien hinzu.

1920er-Jahre: Ein Haus entsteht noch stark aus der Region heraus

Um 1926 wurde in der Schweiz längst mit industriell hergestelltem Zement, Stahl und Backstein gebaut. Dennoch war der Hausbau wesentlich regionaler geprägt als heute. Transport war aufwendiger und teurer. Materialien wurden deshalb häufiger dort beschafft, wo sie verfügbar waren.

In ländlichen Gebieten spielten Naturstein und Holz eine grosse Rolle. Im städtischen Wohnungsbau waren gemauerte Konstruktionen weit verbreitet. Dachstühle entstanden aus Holz, massive Wände übernahmen gleichzeitig Tragfunktion, Witterungsschutz und einen Teil des Wärmeschutzes.

Die heutige Trennung der Funktionen existierte in dieser Konsequenz noch nicht. Eine moderne Aussenwand besteht häufig aus mehreren genau aufeinander abgestimmten Schichten: Tragkonstruktion, Dämmung, Luft- und Feuchteschutz sowie Fassadenbekleidung oder Aussenputz. Früher musste eine vergleichsweise einfache Konstruktion mehrere dieser Aufgaben gleichzeitig erfüllen.

Entsprechend massiv wurde gebaut. Dicke Mauern waren normal. Die Wärmedämmung blieb dennoch weit hinter heutigen Standards zurück. Fenster besassen eine deutlich schlechtere thermische Qualität, und Wärmebrücken wurden noch nicht mit jener Präzision berechnet, die heute selbstverständlich ist.

Auch die Baustelle funktionierte anders. Maurer, Zimmerleute, Schreiner, Dachdecker und Gipser erledigten einen grossen Teil ihrer Arbeit unmittelbar vor Ort. Bauteile wurden angepasst, zugeschnitten und eingepasst. Die Qualität hing damit in hohem Mass vom handwerklichen Können der Beteiligten ab.


Wohnhaus im Rohbau mit Gerüst und traditioneller Massivbauweise nach dem Vorbild früher Schweizer Baustellen.
Massive Mauern, regionale Materialien und viel Arbeit direkt auf der Baustelle prägten den Hausbau vor rund 100 Jahren.

Ein robustes Haus war noch lange kein komfortables Haus

Viele Gebäude dieser Epoche beweisen bis heute, wie langlebig damals gebaut wurde. Das darf jedoch nicht mit modernem Wohnkomfort verwechselt werden.

Zentralheizungen waren keineswegs überall selbstverständlich. Die Temperatur einzelner Räume konnte stark schwanken. Warme Oberflächen, kontrollierte Lüftung, guter Schallschutz oder konstant hohe Raumtemperaturen gehörten nicht zum Standard, den heutige Bewohner voraussetzen.

Auch die Sicherheit wurde anders beurteilt. Besonders deutlich zeigt sich das beim Erdbebenschutz. Bis 1970 existierten in den Schweizer Baunormen keine spezifischen Erdbebenbestimmungen. Erste Vorgaben kamen 1970 hinzu; 1989 und 2003 wurden die Anforderungen aufgrund neuer Erkenntnisse aus Seismologie und Erdbebeningenieurwesen deutlich erweitert.

Das bedeutet nicht, dass alte Häuser automatisch unsicher sind. Es zeigt vielmehr, wie sehr sich das Wissen verändert hat. Was heute berechnet, simuliert und normiert wird, konnte vor 100 Jahren teilweise nur aus Erfahrung abgeschätzt werden.

Nach dem Krieg beginnt die grosse Beschleunigung

Nach 1945 änderten sich die Rahmenbedingungen fundamental. Die Schweizer Wirtschaft expandierte, die Bevölkerung wuchs, Menschen zogen in die Städte und Agglomerationen. Es wurde viel zusätzlicher Wohnraum benötigt.

Damit entstand eine neue Herausforderung: Häuser mussten nicht nur stabil sein. Sie mussten schneller und in erheblich grösseren Stückzahlen gebaut werden.

Beton eignete sich dafür hervorragend. Stahlbeton war formbar, belastbar und in grosser Menge verfügbar. Er ermöglichte Konstruktionen, die mit rein tragendem Mauerwerk wesentlich aufwendiger gewesen wären.

Stützen und Decken konnten nun grosse Lasten übernehmen. Dadurch musste nicht mehr jede Innenwand Teil der tragenden Struktur sein. Grundrisse wurden flexibler, Spannweiten grösser und mehrgeschossige Wohnhäuser wirtschaftlicher.

Gleichzeitig rückte die Standardisierung vor. Fenster erhielten definierte Abmessungen, Fertigteile wurden häufiger eingesetzt, Grundrisse wiederholten sich. Auf grossen Baustellen ersetzten Maschinen zunehmend schwere Handarbeit.

Aus dem traditionellen Bauhandwerk entwickelte sich immer stärker eine moderne Bauindustrie.

Die Siedlungen der 1950er- und 1960er-Jahre hatten einen klaren Auftrag

Viele Wohnüberbauungen aus der Nachkriegszeit wirken aus heutiger Sicht funktional, teilweise sogar streng. Ihre Architektur lässt sich aber nur verstehen, wenn man ihre Aufgabe berücksichtigt.

Die Schweiz brauchte Wohnungen. Schnell.

Standardisierte Grundrisse, wiederkehrende Fassadenelemente und einfache Gebäudekörper waren deshalb nicht bloss Ausdruck eines architektonischen Geschmacks. Sie halfen, Kosten und Bauzeit zu begrenzen.

Gleichzeitig stiegen die Ansprüche der Bevölkerung. Badezimmer in der Wohnung, Zentralheizung, Warmwasser, mehr elektrische Geräte und grössere Fenster wurden zunehmend selbstverständlich. Wohnkomfort entwickelte sich zu einem wichtigen Qualitätsmerkmal.

Die Kehrseite zeigte sich beim Energiebedarf. Heizöl war vergleichsweise bequem verfügbar. Eine energetisch schwache Gebäudehülle konnte mit einer leistungsfähigen Heizung kompensiert werden. Aus heutiger Sicht erscheint das verschwenderisch. In der damaligen Energie- und Kostenwelt war es jedoch nachvollziehbar.


Mehrgeschossige Schweizer Wohnüberbauung im für die Nachkriegsjahrzehnte typischen Baustil.
Mit Bevölkerungswachstum und Wohnungsbedarf wurden grössere Siedlungen, standardisierte Bauteile und rationellere Bauverfahren immer wichtiger.

Beton verändert nicht nur Häuser, sondern die ganze Schweiz

Die Bedeutung des Betons reicht weit über Wohngebäude hinaus. Der wirtschaftliche Aufschwung verlangte nach Schulen, Spitälern, Verwaltungsgebäuden, Brücken, Tunneln, Parkhäusern und Verkehrsinfrastruktur.

Stahlbeton eröffnete dem Ingenieurwesen enorme Möglichkeiten. Tragwerke konnten höher, weiter und komplexer werden. Parallel verbesserten sich Berechnungsmethoden, Baustellenlogistik, Krane, Schalungstechnik und die industrielle Herstellung von Baustoffen.

Auch deshalb unterscheidet sich eine Baustelle der 1960er-Jahre bereits deutlich von jener der 1920er-Jahre. Das Bauen wurde produktiver. Gleichzeitig nahm seine technische Spezialisierung zu.

Aus dem Baumeister und einigen klassischen Gewerken entstand schrittweise ein System aus Architektur, Bauingenieurwesen, Haustechnik, Elektroplanung und immer stärker spezialisierten Unternehmen.

Die Ölkrisen bringen einen fundamentalen Denkwechsel

Ein weiterer grosser Einschnitt kam in den 1970er-Jahren. Die Ölkrisen machten sichtbar, wie abhängig moderne Gebäude von günstiger Energie geworden waren.

Plötzlich bekam jeder verlorene Liter Heizöl einen Preis.

Damit rückte die Gebäudehülle in den Mittelpunkt. Dämmung wurde stärker, Fenster wurden verbessert und Wärmeverluste systematisch untersucht. Aus dem einfachen Gedanken «Wir heizen mehr» wurde zunehmend die Frage: «Warum verliert das Gebäude überhaupt so viel Wärme?»

Dieser Wandel wirkt bis heute nach.

Eine moderne Sanierung beginnt deshalb sinnvollerweise nicht automatisch bei der Heizung. Wird zuerst die Gebäudehülle verbessert, sinkt der Wärmebedarf. Anschliessend kann eine neue Heizungsanlage kleiner und passender dimensioniert werden. Genau diesen Zusammenhang erläutert auch bauenaktuell.ch im Schweizer Sanierungsfahrplan für Dach, Fassade, Fenster und Heizung.

Die Wand wird zum technischen Bauteil

Mit den steigenden Anforderungen wurde die Konstruktion komplexer. Eine Wand sollte nun nicht mehr nur tragen und Regen abhalten. Sie musste zusätzlich möglichst wenig Wärme verlieren, Feuchtigkeit kontrollieren, Schall reduzieren und Anschlüsse zu Fenstern, Dach und Fundament zuverlässig lösen.

Damit entstanden die heute typischen mehrschichtigen Gebäudehüllen.

Auch das Verständnis für Luftdichtheit veränderte sich. Bei alten Gebäuden fand ein erheblicher Teil des Luftaustausches unfreiwillig durch undichte Fenster und Fugen statt. Das führte zwar zu Lüftung, gleichzeitig aber auch zu grossen Wärmeverlusten und teilweise unangenehmer Zugluft.

Moderne Häuser werden wesentlich dichter gebaut. Die notwendige Frischluft muss deshalb bewusst sichergestellt werden – entweder durch konsequentes Lüften oder durch technische Lüftungssysteme.

Das zeigt exemplarisch, wie sich die Bauphysik entwickelt hat. Verbesserungen an einer Stelle können neue Anforderungen an anderer Stelle erzeugen. Wer ein altes Haus einfach nur «dichter» macht, ohne Feuchte und Lüftung mitzudenken, kann neue Probleme schaffen.

Minergie verändert die Vorstellung vom guten Haus

In den 1990er-Jahren erhielt die Schweizer Entwicklung einen wichtigen zusätzlichen Impuls. Das Konzept des Minergie-Standards entstand 1994. Noch im selben Jahr wurden in Kölliken die ersten beiden Minergie-Häuser realisiert. 1997 übernahmen die Kantone Zürich und Bern die Marke, 1998 entstand der Verein Minergie.

Der entscheidende Gedanke war umfassender als reine Wärmedämmung. Ein gutes Gebäude sollte Energieeffizienz und Komfort miteinander verbinden.

Später kamen strengere Standards und ökologische Ergänzungen hinzu. Damit setzte sich eine Betrachtungsweise durch, die heute selbstverständlich erscheint: Gebäudehülle, Heizung, Lüftung, Sonnenschutz und Nutzung bilden ein Gesamtsystem.


Bestehendes Wohngebäude während einer energetischen Sanierung von Fassade und Gebäudehülle.
Dämmung, neue Fenster und moderne Haustechnik verlängern die Lebensdauer bestehender Gebäude und senken ihren Energiebedarf.

Heute liegt ein grosser Teil der Aufgabe im Bestand

Wer über die Zukunft des Bauens spricht, denkt schnell an spektakuläre Neubauten. Für die Energiewende ist der bestehende Gebäudepark jedoch mindestens ebenso wichtig.

Nach Angaben des Bundesamts für Energie verbrauchen die Gebäude der Schweiz rund 81 Terawattstunden Energie. Das entspricht ungefähr 41,8 Prozent des gesamten Endenergiebedarfs.

Die Dimension erklärt, weshalb Fassadensanierungen, Fenster, Dächer und Heizungsersatz gesellschaftlich relevant geworden sind.

Die Entwicklung zeigt bereits Wirkung. Das Bundesamt für Umwelt beziffert die Treibhausgasemissionen des Gebäudesektors für 2024 auf rund 8,8 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Damit lagen sie 47 Prozent unter dem Stand von 1990.

Das ist bemerkenswert, weil die insgesamt genutzte Gebäudefläche gleichzeitig gewachsen ist. Verbesserte Dämmstandards, Sanierungen sowie der Ersatz fossiler Heizungen durch nicht-fossile Systeme spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Die Wärmepumpe verändert die Haustechnik

Ein modernes Gebäude benötigt wesentlich weniger Heizenergie als ein unsanierter Altbau. Dadurch verändert sich auch die Wärmeerzeugung.

Wärmepumpen nutzen Umweltwärme aus Luft, Erdreich oder Grundwasser und heben sie mit elektrischer Energie auf ein nutzbares Temperaturniveau. Besonders effizient arbeiten sie mit niedrigen Vorlauftemperaturen, wie sie beispielsweise bei Fussbodenheizungen möglich sind.

Das Gebäude und seine Heizung können deshalb nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Eine hervorragende Wärmepumpe in einem energetisch sehr schlechten Haus ist nicht automatisch eine hervorragende Lösung.

Genau das ist typisch für moderne Bauweise: Einzelne Komponenten werden immer stärker als Teile eines Gesamtsystems verstanden.

Photovoltaik macht aus Dächern Kraftwerke

Auch das Dach hat seine Aufgabe erweitert. Früher sollte es vor Regen, Schnee und Wind schützen. Heute kann es zusätzlich Strom produzieren.

Photovoltaik lässt sich mit Wärmepumpen, Elektrofahrzeugen und teilweise Batteriespeichern kombinieren. Damit wird ein Gebäude vom reinen Energieverbraucher zumindest zeitweise zum Produzenten.

Diese Entwicklung verändert auch die Architektur. Solarmodule werden zunehmend nicht mehr nachträglich irgendwo aufgesetzt, sondern bereits beim Entwurf als Bestandteil von Dach oder Fassade berücksichtigt.

Holz erlebt eine Rückkehr – aber nicht als Nostalgie

Eine der interessantesten Entwicklungen der letzten Jahre betrifft einen der ältesten Baustoffe überhaupt.

Holz ist zurück.

Allerdings unterscheidet sich moderner Holzbau fundamental vom traditionellen Chalet. Grosse Träger, Brettsperrholzplatten und komplette Wand- oder Deckenelemente entstehen mit hoher Präzision in industriellen Produktionsanlagen.

Die Konstruktion wird am Computer geplant, zugeschnitten und teilweise inklusive Dämmung, Fenstern oder Installationen vorbereitet. Auf der Baustelle müssen die Elemente anschliessend hauptsächlich montiert werden.

Das bringt einen entscheidenden Vorteil: Ein grosser Teil der Arbeit findet unter kontrollierten Bedingungen in einer Halle statt und nicht bei Regen, Schnee oder Hitze auf einer offenen Baustelle.

Daneben gewinnen Mischkonstruktionen an Bedeutung. Beim Holz-Hybridbau werden Materialien nach ihren Stärken kombiniert: Beton kann beispielsweise Fundamente, Treppenhäuser oder Bereiche mit hohen statischen Anforderungen übernehmen, während Holz für grosse Teile des übrigen Tragwerks eingesetzt wird.

Wie stark diese Entwicklung inzwischen in der Schweizer Bauwirtschaft angekommen ist, zeigt bauenaktuell.ch anhand aktueller Holz- und Hybridlösungen sowie neuer Anforderungen durch das Klima.

Die Baustelle beginnt heute lange vor dem Bau

Eine der tiefgreifendsten Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte ist auf einem fertigen Gebäude kaum sichtbar: die Digitalisierung der Planung.

Früher entstanden Baupläne mit Bleistift, Tusche und Transparentpapier. Änderungen mussten von Hand nachgetragen werden. Später verlagerte CAD die Zeichnung auf den Computer.

Heute geht Building Information Modeling, kurz BIM, wesentlich weiter. Ein digitales Gebäudemodell besteht nicht bloss aus dreidimensionalen Linien. Bauteile können mit Informationen zu Abmessungen, Material, Brandschutz, Kosten oder Wartung verknüpft werden.

Dadurch können Architekt, Tragwerksplaner, Gebäudetechnik und weitere Fachbereiche ihre Planung früher aufeinander abstimmen.

Ein einfaches Beispiel zeigt den Nutzen: Früher konnte auf einer Baustelle auffallen, dass eine Lüftungsleitung genau dort verlaufen sollte, wo bereits ein tragender Betonträger vorgesehen war. Dann musste improvisiert werden. In einem sauber koordinierten digitalen Modell lässt sich eine solche Kollision erkennen, bevor überhaupt Beton gegossen wurde.


Moderner Schweizer Neubau mit zeitgemässer Architektur und industriell vorbereiteten Bauelementen.
Vorfertigung, Holz-Hybridbau, digitale Planung und effiziente Gebäudetechnik verändern die moderne Baustelle.

Smart Building: Wenn das Haus während des Betriebs weiterarbeitet

Die Digitalisierung endet nicht mit der Bauabnahme. Moderne Gebäude können Temperaturen, Luftqualität, Energieverbrauch, Sonneneinstrahlung und den Zustand technischer Anlagen laufend erfassen.

Heizung, Lüftung, Verschattung und Beleuchtung lassen sich miteinander vernetzen. Das Gebäude reagiert dadurch teilweise selbstständig auf Nutzung und Umweltbedingungen.

Das Potenzial ist gross, aber nicht jede technische Möglichkeit ist automatisch sinnvoll. Eine gute Gebäudetechnik muss verständlich, wartbar und zuverlässig bleiben. Ein Haus, das nur mit komplizierter Software funktioniert, kann im Alltag neue Abhängigkeiten schaffen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viel Technik eingebaut werden kann, sondern welche Technik tatsächlich einen Nutzen bringt. Einen Überblick über diese Entwicklung bietet bauenaktuell.ch zu Smart Buildings von der digitalen Planung bis zum laufenden Gebäudebetrieb.

Verdichtung verändert den Schweizer Städtebau

Vor 100 Jahren konnte sich eine wachsende Siedlung vergleichsweise selbstverständlich nach aussen erweitern. Heute steht der Bodenverbrauch wesentlich stärker im Zentrum der Raumplanung.

Das revidierte Raumplanungsgesetz hat die Entwicklung nach innen zusätzlich gestärkt. Statt immer neue Flächen zu beanspruchen, soll vermehrt dort gebaut werden, wo bereits Siedlungen und Verkehrsinfrastruktur vorhanden sind.

Das Bundesamt für Raumentwicklung weist darauf hin, dass zwischen 2018 und 2022 bereits 59 Prozent der Wohnbau-Baubewilligungen Projekte auf zuvor bebauten Parzellen betrafen.

In der Praxis bedeutet das: Aufstocken, ersetzen, verdichten und umnutzen.

Ehemalige Industrieareale werden zu Wohnquartieren. Niedrige Häuser erhalten zusätzliche Geschosse. Alte Bürogebäude werden umgenutzt. Bestehende Siedlungen werden ergänzt.

Das ist planerisch anspruchsvoller als ein freies Grundstück. Nachbarschaft, Lärm, Schattenwurf, Denkmalschutz, bestehende Leitungen und Verkehr müssen berücksichtigt werden. Dafür bleibt Kulturland erhalten und vorhandene Infrastruktur kann besser genutzt werden.

Der Klimawandel stellt eine alte Regel auf den Kopf

Über Jahrzehnte bestand die wichtigste energetische Aufgabe eines Schweizer Hauses darin, im Winter möglichst wenig Wärme zu verlieren.

Diese Aufgabe bleibt. Gleichzeitig wächst eine zweite: Im Sommer darf das Gebäude nicht überhitzen.

Grosse Glasflächen, die im Winter wertvolle Sonnenenergie hereinlassen können, werden während Hitzewellen zum Problem. Deshalb gewinnen aussenliegende Beschattung, Speichermassen, Nachtlüftung, begrünte Flächen und eine sorgfältige Ausrichtung der Fenster an Bedeutung.

Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Ein Gebäude muss heute für zwei gegensätzliche Situationen optimiert werden: möglichst geringe Wärmeverluste im Winter und möglichst geringe Überhitzung im Sommer.

Auch beim Material beginnt eine neue Rechnung

Jahrzehntelang konzentrierte sich die Umweltdebatte bei Gebäuden fast vollständig auf die Energie während des Betriebs. Das war nachvollziehbar, weil schlecht gedämmte Gebäude sehr viel Heizenergie benötigten.

Bei hocheffizienten Neubauten wird jedoch ein anderer Anteil immer wichtiger: die Energie und die Emissionen, die bereits in den Baustoffen stecken.

Beton, Stahl, Glas oder Dämmstoffe müssen gewonnen, produziert und transportiert werden. Auch diese Prozesse benötigen Energie und verursachen Emissionen.

Deshalb gewinnt die sogenannte graue Energie beziehungsweise die Betrachtung der Erstellungsemissionen an Bedeutung. Ein Gebäude soll nicht nur während seiner Nutzung sparsam sein. Auch seine Entstehung wird zunehmend bilanziert.

Die Kreislaufwirtschaft stellt eine radikale Frage

Was passiert mit einem Gebäude am Ende seines Lebens?

Die klassische Antwort lautete lange: Es wird abgebrochen, Materialien werden entsorgt oder teilweise recycelt.

Das neue Ziel geht weiter. Bauteile sollen möglichst so geplant werden, dass sie später demontiert und erneut eingesetzt werden können.

Eine Stahlstütze, ein Fassadenelement oder eine Holzkonstruktion wird damit nicht mehr automatisch zum Abfall, nur weil das ursprüngliche Gebäude verschwindet.

Dafür muss allerdings schon beim Neubau anders gedacht werden. Dauerhaft verklebte Materialverbünde lassen sich schwer trennen. Verschraubte oder mechanisch verbundene Konstruktionen können wesentlich leichter zerlegt werden.

Das Gebäude wird dadurch gewissermassen zu einem Materiallager auf Zeit.

Warum Sanieren schwieriger ist als neu bauen

Technisch betrachtet ist ein Neubau oft einfacher. Planer beginnen mit einer weitgehend freien Ausgangslage und können Tragwerk, Dämmung, Leitungen und Technik aufeinander abstimmen.

Beim Altbau sind die Bedingungen bereits vorhanden.

Deckenhöhen lassen sich nicht beliebig verändern. Tragende Wände stehen dort, wo sie vor Jahrzehnten geplant wurden. Leitungen sind teilweise unbekannt. Fassaden können geschützt sein. Bewohner sollen vielleicht während der Arbeiten im Haus bleiben.

Genau deshalb gehört die Sanierung zu den anspruchsvollsten Aufgaben der kommenden Jahrzehnte.

Sie besitzt gleichzeitig einen entscheidenden Vorteil: Das Gebäude existiert bereits. Fundamente, Tragwerk und ein grosser Teil der Materialien müssen nicht neu produziert werden.

Die Zukunft wird wahrscheinlich weniger spektakulär – aber intelligenter

Wie wird in der Schweiz im Jahr 2050 gebaut?

Wahrscheinlich wird es keinen einzelnen Baustoff und keine einzelne Technologie geben, die alles andere verdrängt.

Beton wird nicht verschwinden. Holz wird nicht jedes Gebäude ersetzen. Digitalisierung wird schlechte Architektur nicht automatisch besser machen.

Viel wahrscheinlicher ist eine präzisere Kombination.

Material wird dort eingesetzt, wo seine Eigenschaften gebraucht werden. Bauteile werden stärker vorgefertigt. Digitale Modelle reduzieren Planungsfehler. Gebäude erzeugen einen Teil ihrer Energie selbst. Bestehende Häuser werden häufiger weitergebaut statt abgerissen.

Gleichzeitig wird die Fähigkeit wichtiger, Gebäude später verändern zu können. Familien werden kleiner oder grösser, Büros werden zu Wohnungen, Erdgeschosse wechseln ihre Nutzung. Ein Gebäude, dessen Grundriss und Tragwerk solche Veränderungen erlauben, kann wesentlich länger sinnvoll genutzt werden.

Der grösste Fortschritt besteht vielleicht im Weglassen

Die Geschichte des Bauens wurde lange als Geschichte des Mehr verstanden: mehr Beton, grössere Maschinen, mehr Technik, mehr Wohnfläche.

Die nächsten Jahrzehnte könnten stärker von einer anderen Frage geprägt sein: Was brauchen wir tatsächlich?

Muss ein bestehendes Tragwerk wirklich abgebrochen werden? Muss jedes Bauteil neu hergestellt werden? Muss ein Haus voller Technik sein, wenn Verschattung, Orientierung und eine gute Konstruktion dieselbe Aufgabe ohne dauernden Energieverbrauch erledigen können?

Diese Fragen sind keine Rückkehr zu den einfachen Häusern von 1926. Im Gegenteil. Sie verlangen sehr viel Wissen.

100 Jahre später schliesst sich ein Kreis

Interessanterweise treffen sich damit Vergangenheit und Zukunft an einigen Punkten wieder.

Die Bauleute vor 100 Jahren verwendeten häufig regionale Materialien, weil lange Transporte teuer und kompliziert waren. Heute werden regionale Materialkreisläufe aus ökologischen Gründen wieder interessant.

Alte Gebäude wurden repariert, weil ein Ersatz teuer war. Heute gewinnt Reparierbarkeit im Zusammenhang mit Ressourcenschonung erneut an Bedeutung.

Massive Konstruktionen wurden für Generationen errichtet. Heute diskutiert die Branche wieder intensiver darüber, wie Gebäude möglichst lange genutzt werden können.

Der Unterschied liegt im Wissen. Moderne Ingenieurinnen und Ingenieure können Tragwerke berechnen, Energieflüsse simulieren, Materialmengen digital erfassen und ein Gebäude bereits vor dem Bau virtuell testen.

Die Zukunft des Schweizer Bauens dürfte deshalb weder in einer Rückkehr zur Vergangenheit noch in einem blinden Vertrauen auf Technik liegen.

Sie liegt in der Verbindung beider Welten.

Wir können heute präziser, sicherer und energieeffizienter bauen als jede Generation vor uns. Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, dieses Wissen so einzusetzen, dass Gebäude nicht nur für ihre ersten 20 Jahre optimiert werden, sondern auch nach 50 oder 100 Jahren noch einen Wert besitzen.

 

Quelle: belmedia-Redaktion
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