Thun vor 200 Jahren: So klein war die Stadt an Aare und Schlossberg

Heute reicht Thun vom historischen Stadtkern bis weit in die ehemaligen Landwirtschaftsflächen rund um Dürrenast, Gwatt, Goldiwil und Strättligen. Vor 200 Jahren präsentierte sich ein völlig anderes Bild: Schlossberg, Hauptgasse, Rathausplatz, Unterstadt und Bälliz bildeten eine überschaubare Kleinstadt, die sich in wenigen Minuten durchqueren liess.

Das Thun der 1820er-Jahre lag noch hinter Toren und Mauern. Rund um den Stadtkern dominierten Gärten, Wiesen, feuchte Böden und einzelne Gewerbebetriebe. Militär, Tourismus, Eisenbahn und Industrie sollten das Wachstum erst in den folgenden Jahrzehnten beschleunigen.

Eine Stadt mit kaum 2’000 Menschen

Eine genaue Einwohnerzahl für das Jahr 1826 ist nicht überliefert. Die bekannten Erhebungen zeigen jedoch deutlich, wie klein Thun damals war. 1798 wurden 1’566 Einwohnerinnen und Einwohner gezählt, die in 281 Wohnhäusern und 341 Haushalten lebten. Im Jahr 1818 waren es 1’936 Personen. Bis 1846 stieg die Bevölkerungszahl auf 3’213.

Thun hatte vor 200 Jahren somit nur wenige tausend Einwohner. Das entspricht ungefähr der Bevölkerung eines heutigen grösseren Dorfes. Die meisten Menschen kannten nicht nur ihre unmittelbaren Nachbarn, sondern auch zahlreiche Handwerker, Händler, Wirte und Amtspersonen persönlich.

Der Alltag spielte sich auf engem Raum ab. Wohnen, Arbeiten, Markt, Verwaltung und gesellschaftliches Leben lagen nahe beieinander. Grössere Wege führten bereits aus der Stadt hinaus: zu landwirtschaftlichen Flächen, zu Mühlen, Werkstätten, Gasthäusern oder zu den Strassen in Richtung Bern und Berner Oberland.


Schlossberg, Hauptgasse, Rathausplatz und Aare bildeten um 1826 den räumlichen Mittelpunkt einer Stadt mit nur wenigen tausend Menschen.

Der Stadtkern endete hinter Toren und Mauern

Das historische Thun konzentrierte sich auf den Schlossberg, die Obere Hauptgasse, den Rathausplatz, die Unterstadt und das Bälliz. Die Stadtmauern und ihre Tore waren damals noch wesentliche Bestandteile des Stadtbildes. Sie trennten den dicht bebauten Kern sichtbar vom Umland und lenkten den Verkehr auf wenige kontrollierbare Zugänge.

Wer durch ein Stadttor trat, befand sich beinahe unmittelbar zwischen Häuserzeilen, Werkstätten und Verkaufsständen. Oberhalb der Gassen erhob sich das Schloss als weithin sichtbares Zeichen der Herrschaft. Unterhalb des Schlossbergs lagen das Rathaus, die Märkte und die Übergänge über die Aare.

Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts verloren die Befestigungsanlagen ihre Funktion. Mauern wurden geöffnet oder abgetragen, Tore verschwanden und neue Strassen verbanden den alten Kern mit den entstehenden Quartieren. Das Berntor wurde beispielsweise 1876 abgebrochen. Vor 200 Jahren war eine solche Öffnung der Stadt jedoch erst in Ansätzen erkennbar.

Das Bälliz war noch keine moderne Einkaufsmeile

Das Bälliz gehört heute zu den wichtigsten Einkaufs- und Begegnungsräumen Thuns. Um 1826 war die Aareinsel wesentlich lockerer bebaut. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden dort neben Häusern zahlreiche Gärten, Scheunen, Ställe, Schweineställe und kleingewerbliche Nutzungen.

Die Grenzen zwischen Stadt und Landwirtschaft verliefen nicht so eindeutig wie heute. Hinter einer Häuserzeile konnten Gemüsebeete, Obstbäume, Holzlager oder Tierställe liegen. Das Bälliz war zwar Teil des städtischen Lebens, besass aber noch nicht die durchgehend geschlossene Bebauung einer modernen Geschäftsstrasse.



Die Aare bestimmte Arbeit und Alltag

Die Aare war weit mehr als eine attraktive Kulisse. Sie lieferte Wasser, trieb Räder und Maschinen an und diente als Transportweg. Gewerbebetriebe siedelten sich dort an, wo sie Wasserkraft nutzen oder Waren möglichst direkt umschlagen konnten. Bis zum Bau der Eisenbahn war der Fluss für den regionalen Verkehr von grosser Bedeutung.

Ihre heutige Gestalt erhielt die Wasserlandschaft nicht allein durch natürliche Prozesse. Nach der Umleitung der Kander in den Thunersee 1713 und 1714 musste der Abfluss stärker reguliert werden. Seit den 1720er-Jahren halfen Schleusen dabei, den Wasserstand des Sees und den Abfluss durch die Stadt zu kontrollieren.

Damit prägte die Aare sowohl die wirtschaftlichen Möglichkeiten als auch die Risiken des Wohnorts. Hochwasser, wechselnde Pegel und feuchte Böden beeinflussten, wo gebaut werden konnte. Gleichzeitig verbanden die Flussarme unterschiedliche Teile der kleinen Stadt und machten Brücken zu zentralen Punkten des täglichen Verkehrs.


Die Aare war Verkehrsweg, Energiequelle und natürliche Grenze zugleich; ihre beiden Arme prägten die frühe Stadtentwicklung.

Vom See trennte die Stadt sumpfiges Gelände

Obwohl Thun heute eng mit dem Thunersee verbunden wird, lag der historische Kern rund eineinhalb Kilometer vom Seeufer entfernt. Die Flächen dazwischen waren teilweise nass, überschwemmungsgefährdet oder landwirtschaftlich genutzt. Eine durchgehend bebaute Verbindung zwischen Altstadt und See bestand noch nicht.

Wer vom Zentrum zum See ging, bewegte sich durch eine wesentlich offenere Landschaft. Statt geschlossener Quartiere prägten Wege, Wiesen, Gärten und einzelne Gebäude das Gebiet. Erst verbesserte Wasserregulierung, Strassenbau und bauliche Erschliessung machten die tiefer liegenden Flächen für eine dichtere Nutzung geeignet.

In Hofstetten entstanden ab den 1830er-Jahren zunehmend Hotels und touristische Einrichtungen. Um 1826 stand diese Entwicklung erst am Anfang. Der Thunersee war zwar längst Verkehrsweg und landschaftlicher Bezugspunkt, doch die repräsentative Hotelstadt am Ufer gehörte noch der Zukunft an.


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Thun im Rundbild von 1814

Kunstmuseum Thun


Thun-Panorama · 1814
Die Kleinstadt aus der Perspektive Marquard Wochers
Das Thun-Panorama zeigt die Stadt kurz vor der hier beschriebenen Epoche. Häuser, Gassen, Dächer und Alltagsszenen vermitteln einen ungewöhnlich detailreichen Eindruck vom damaligen Thun.
Das erwartet Sie im Video
Ein Einblick in das historische Rundbild, das Marquard Wocher zwischen 1809 und 1814 nach Beobachtungen aus der Thuner Altstadt schuf.
Video: Kunstmuseum Thun
Dokumentation zum Thun-Panorama


Das Panorama von 1814 macht die Kleinstadt sichtbar

Eine besonders anschauliche Quelle für das frühe 19. Jahrhundert ist das Thun-Panorama. Marquard Wocher schuf das Rundbild zwischen 1809 und 1814 nach Skizzen, die er von einem Dach in der Altstadt aus angefertigt hatte. Das 7,5 Meter hohe und 38 Meter lange Werk zeigt nicht nur die Bebauung, sondern auch zahlreiche Szenen des städtischen Alltags.

Zu erkennen ist eine Stadt, deren Dächer sich eng um Schlossberg und Aare gruppieren. Dahinter öffnet sich die Landschaft rasch. Das Panorama macht verständlich, weshalb zeitgenössische Reisende Thun als bescheidene Landstadt wahrnahmen: Der städtische Raum war kompakt, und Natur sowie Landwirtschaft begannen unmittelbar hinter den Häusern.

Das Werk ist heute das älteste erhaltene Rundpanorama der Welt. Seine Details erlauben zwar keine exakte Momentaufnahme des Jahres 1826, doch zwischen der Fertigstellung des Bildes und diesem Zeitpunkt lagen lediglich zwölf Jahre. Für die räumliche Vorstellung des damaligen Thun ist es deshalb aussergewöhnlich wertvoll.


Die Übergänge über die Aare verbanden die eng bebauten Stadtteile, während Wege zum See und ins Umland noch durch offene und feuchte Flächen führten.


Militär und Tourismus kündigten das Wachstum an

Mit der Eröffnung der Eidgenössischen Militärschule im Jahr 1819 erhielt Thun eine Einrichtung, die für die weitere Entwicklung entscheidend werden sollte. Soldaten, Instruktoren, Lieferanten und Besucher sorgten für zusätzliche Nachfrage. Der spätere Ausbau der Waffenplätze machte die Stadt zu einem bedeutenden Militärstandort.

Auch der Fremdenverkehr begann an Bedeutung zu gewinnen. Reisende entdeckten den See und die Aussicht auf die Alpen, doch die grossen Hotels und touristischen Anlagen entstanden überwiegend erst in den folgenden Jahrzehnten. Der erste Dampfschiffverkehr auf dem Thunersee setzte 1835 ein.

Noch weiter entfernt war der Anschluss an die Eisenbahn. Die Strecke von Bern nach Thun wurde 1859 eröffnet. Um 1826 kamen Reisende daher mit Kutschen, Wagen, zu Pferd, zu Fuss oder über das Wasser. Transporte waren langsamer, witterungsabhängiger und wesentlich aufwendiger als in der späteren Bahn- und Industriestadt.

Die Hauptgasse wurde bereits verschönert

Trotz ihrer geringen Grösse war Thun keineswegs unverändert geblieben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts galten manche Gebäude und öffentliche Bereiche als renovierungsbedürftig. Eine Bauordnung von 1811 sollte dazu beitragen, schadhafte Häuser auszubessern und das Erscheinungsbild der Stadt zu verbessern.

In der Oberen Hauptgasse standen hölzerne Marktstände auf den Hochtrottoirs. Diese wurden schrittweise entfernt; die letzten verschwanden 1822. Auch weit vorspringende Dächer, die sich über der Gasse beinahe berührten, wurden zurückgeschnitten. Licht, Luft, Brandschutz und Bewegungsfreiheit gewannen an Bedeutung.

Die Veränderungen zeigen, dass die kleine Stadt bereits versuchte, ihre mittelalterlich geprägten Räume neuen Bedürfnissen anzupassen. Eine ausführlichere Bauordnung folgte 1830. Die ungewöhnlichen Hochtrottoirs blieben jedoch erhalten und prägen die Obere Hauptgasse bis heute.


Viele heutige Quartiere gehörten vor 200 Jahren noch nicht zur Stadt oder waren landwirtschaftlich und kleingewerblich geprägt.


Was damals noch nicht zu Thun gehörte

Die heutige Gemeindegrenze darf nicht auf die Verhältnisse von 1826 übertragen werden. Goldiwil war eine eigenständige Gemeinde und wurde erst 1913 mit Thun vereinigt. Strättligen mit Gebieten wie Gwatt und Dürrenast folgte 1920. Was heute als zusammenhängendes Stadtgebiet erscheint, bestand damals aus getrennten Siedlungen, Weilern, Höfen und ausgedehnten Nutzflächen.

Auch innerhalb der späteren Stadtgrenzen war die Bebauung dünn. Ackerbau, Viehhaltung, Gärten und kleine Gewerbebetriebe prägten grosse Bereiche. Zwischen einzelnen Häusergruppen lagen offene Flächen. Die eigentliche Stadt war jener kompakte Kern, der sich rund um Schloss, Hauptgasse, Rathausplatz und Aare konzentrierte.

Diese räumliche Trennung wirkte sich auf die Identität der Orte aus. Bewohnerinnen und Bewohner des Umlands lebten wirtschaftlich zwar in Beziehung zu Thun, gehörten politisch und verwaltungstechnisch aber nicht zwingend zur Stadt. Erst die Eingemeindungen des 20. Jahrhunderts schufen das wesentlich grössere kommunale Gebiet.

Warum Thun anschliessend so rasch wuchs

Mehrere Entwicklungen griffen ineinander. Der Militärstandort brachte Arbeitsplätze und Aufträge. Der Tourismus förderte Hotels, Gastronomie, Schifffahrt und Dienstleistungen. Mit der Eisenbahn verbesserten sich Personen- und Warentransporte entscheidend. Gleichzeitig entstanden neue Gewerbe- und Industriebetriebe.

Das Wachstum lässt sich bereits an den frühen Einwohnerzahlen ablesen. Zwischen 1818 und 1846 stieg die Bevölkerung von 1’936 auf 3’213 Personen. In weniger als drei Jahrzehnten kamen damit deutlich mehr als tausend Einwohnerinnen und Einwohner hinzu. Für eine so kleine Stadt bedeutete dies einen tiefgreifenden Wandel.

Neue Wohnungen, Verkehrswege und öffentliche Einrichtungen wurden benötigt. Die Bebauung löste sich zunehmend vom befestigten Kern. Flächen, die wenige Jahrzehnte zuvor als Gärten, Wiesen oder feuchtes Land genutzt worden waren, wurden erschlossen. Aus der eng begrenzten Landstadt entwickelte sich schrittweise ein regionales Zentrum.

Das kleine Thun ist noch immer ablesbar

Trotz des Wachstums blieb der alte Grundriss in wichtigen Teilen erhalten. Schlossberg, Obere Hauptgasse, Rathausplatz, Unterstadt, Bälliz und Aarearme bilden noch heute ein räumliches Ensemble. Wer diese Bereiche zu Fuss durchquert, bewegt sich innerhalb jener überschaubaren Stadt, die vor 200 Jahren fast das gesamte urbane Thun ausmachte.

Die Dimensionen werden besonders deutlich, wenn der Weg anschliessend in Richtung Bahnhof, See, Dürrenast oder Gwatt führt. Diese heute selbstverständlichen Teile des Stadtlebens lagen damals ausserhalb des dicht bebauten Kerns oder gehörten noch gar nicht zur Gemeinde.

Das historische Thun war klein, aber keineswegs statisch. Um 1826 befand sich die Stadt an einer Schwelle: Die Mauern bestanden noch, das Bälliz war nur teilweise bebaut und der Weg zum See führte durch offene Flächen. Gleichzeitig kündigten Militär, Fremdenverkehr, bauliche Reformen und bessere Verkehrsverbindungen bereits den Aufbruch an.

Weiterführende Einblicke bieten das Porträt „Kanton Bern: Sehenswürdigkeiten, Natur, Wirtschaft und Ausflugsziele“ sowie der Beitrag „Schweizer Kleinstädte für ein Wochenende“.

 

Bildquellen: Titelbild: Depositphotos / aallm; Bild 1: Depositphotos / SangaPark; Bild 2: Depositphotos / SangaPark; Bild 3: Depositphotos / pierluigi1956; Bild 4: Depositphotos / volgariver

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