Kunst, an der täglich Tausende vorbeigehen: Die versteckten Kunstwerke von Thun

Skulpturen auf Plätzen, Arbeiten an Gebäuden und überraschende Eingriffe in den Stadtraum: In Thun befindet sich Kunst oft dort, wo sie im Alltag kaum noch bewusst wahrgenommen wird. Mehr als 100 Werke bilden eine über die Stadt verteilte Sammlung, die ohne Eintrittskarte und feste Öffnungszeiten zugänglich ist.

Wer genauer hinschaut, entdeckt die Kunst nicht nur in der historischen Altstadt. Sie erscheint in Parks, auf Dächern, bei Schulen, in Kirchen und an Orten, die zunächst vor allem als Verkehrs- oder Aufenthaltsräume wahrgenommen werden. Gerade diese Verbindung mit dem täglichen Leben macht ihren besonderen Reiz aus.

Eine Ausstellung ohne Eingang und Kasse

Das Kunstmuseum Thun bewahrt eine Sammlung mit mehr als 7000 Werken. Daneben betreut die Stadt eine eigenständige Sammlung von über 100 Kunstwerken im öffentlichen Raum. Diese Arbeiten stehen nicht in einem einzigen Gebäude, sondern sind über unterschiedliche Quartiere und Institutionen verteilt.

Manche Werke befinden sich an stark frequentierten Plätzen, andere in Schulanlagen, Kirchen oder Parks. Hinzu kommen Kunstwerke auf Dächern und an Gebäudefassaden. Die Stadt wird dadurch zu einer offenen Ausstellung, deren Exponate häufig ohne sichtbare Grenze in Architektur und Umgebung übergehen.

Das verändert die Art der Begegnung. Im Museum ist von Beginn an klar, dass ein Objekt als Kunst betrachtet werden soll. Im öffentlichen Raum muss diese Aufmerksamkeit erst entstehen. Eine ungewöhnliche Form, eine auffällige Materialkombination oder ein Farbwechsel an einer Fassade kann der erste Hinweis sein.

Warum selbst auffällige Werke unsichtbar werden

Kunst im Alltag unterliegt einem paradoxen Effekt: Je häufiger ein Werk gesehen wird, desto leichter verschwindet es aus der bewussten Wahrnehmung. Eine Skulptur am täglichen Arbeitsweg wird mit der Zeit Teil der vertrauten Umgebung. Sie bleibt sichtbar, wird aber kaum noch betrachtet.

Hinzu kommt, dass öffentliche Kunst nicht immer auf einem Sockel steht. Sie kann in einen Brunnen, eine Wand, einen Durchgang oder eine Platzgestaltung integriert sein. Ohne Beschriftung lässt sich deshalb nicht sofort erkennen, ob es sich um ein Kunstwerk, ein architektonisches Detail oder ein funktionales Element handelt.

Auch der Rhythmus der Stadt spielt eine Rolle. Wer zum Bahnhof eilt, Einkäufe erledigt oder eine Verabredung erreichen möchte, nimmt den Raum anders wahr als bei einem langsamen Rundgang. Die versteckten Kunstwerke von Thun sind daher nicht zwingend verborgen. Oft fehlt lediglich der kurze Moment, in dem der Blick an ihnen hängen bleibt.


Kleine plastische Details an Brunnen und Plätzen werden leicht übersehen. Das Motiv stammt aus Aachen und veranschaulicht, wie öffentliche Kunst mit ihrer Umgebung verschmilzt.

Plätze, Schulen, Kirchen und Dächer als Kunstorte

Die öffentliche Sammlung in Thun erweitert den üblichen Begriff eines Ausstellungsortes. Kunst erscheint dort, wo Menschen lernen, arbeiten, warten, spazieren oder Veranstaltungen besuchen. Dadurch erreicht sie auch Personen, die nicht gezielt ein Museum betreten würden.

An Schulen kann ein Werk über Jahrzehnte zum vertrauten Bestandteil des Gebäudes werden. In einer Kirche trifft zeitgenössische Gestaltung auf religiöse Architektur und historische Ausstattung. In einem Park verändern Pflanzen, Jahreszeiten und Licht die Wirkung einer Skulptur fortlaufend.

Werke auf Dächern oder an höher gelegenen Gebäudeteilen verlangen wiederum eine andere Blickrichtung. Sie werden im Vorbeigehen besonders leicht übersehen, weil sich die Aufmerksamkeit gewöhnlich auf Schaufenster, Strassen und andere Menschen konzentriert. Ein bewusster Blick nach oben kann deshalb eine überraschende Seite der Stadt freilegen.

Kunst am Bau: Ein Prozent mit sichtbarer Wirkung

Bei städtischen Bauvorhaben in Thun wird Kunst im öffentlichen Raum gewöhnlich über einen Anteil von einem Prozent des jeweiligen Baubudgets finanziert. Dieses Prinzip verbindet künstlerische Gestaltung frühzeitig mit Architektur und Stadtentwicklung. Das Werk wird damit nicht erst nachträglich als Dekoration ergänzt.

Für die Auswahl eines Standorts berücksichtigt die Stadt unter anderem dessen öffentliche Frequenz und Bedeutung. Ein Kunstwerk soll in einer nachvollziehbaren Beziehung zu seinem Umfeld stehen. Material, Massstab und Thema können auf die Nutzung eines Gebäudes oder auf die Geschichte eines Ortes reagieren.

Diese Ortsbezogenheit erklärt, weshalb viele Arbeiten ausserhalb ihres konkreten Umfelds einen Teil ihrer Aussage verlieren würden. Kunst am Bau ist nicht beliebig versetzbar. Sie entwickelt ihre Wirkung aus dem Zusammenspiel von Werk, Architektur, Nutzung und den Menschen, die sich dort bewegen.



Ein Werk kann einen Ort vorübergehend verwandeln

Nicht jede Arbeit im öffentlichen Raum ist dauerhaft angelegt. Am Göttibachsteg zeigte die Stadt Thun 2026 beispielhaft, wie eine temporäre Installation einen bekannten Übergang neu lesbar machen kann. Das Projekt „Bridgework: A Constellation of Color“ von Arden Surdam entstand in Zusammenarbeit mit Till Könneker.

Die Installation bestand aus acht Stelen mit farbigem Plexiglas. Abhängig von Licht, Wetter und Blickwinkel erzeugten die transparenten Flächen wechselnde farbige Erscheinungen. Der Steg blieb ein alltäglicher Verbindungsweg, erhielt jedoch für drei Monate eine zusätzliche visuelle Ebene.

Das reversible Konzept war aus einem eingeladenen Wettbewerb hervorgegangen. Gerade die zeitliche Begrenzung verstärkte die Aufmerksamkeit: Wer den Ort kannte, bemerkte eine Veränderung, die später wieder verschwinden würde. Temporäre Kunst kann auf diese Weise Routinen unterbrechen, ohne einen Platz dauerhaft neu zu definieren.


Farbe kann eine nüchterne Fläche in einen markanten Kunstort verwandeln. Das Beispiel aus Fort Wayne zeigt eine moderne Wandgestaltung und stammt nicht aus Thun.

Öffentliche Kunst verändert sich mit Licht und Bewegung

Im Unterschied zu einem gleichmässig beleuchteten Museum ist ein öffentlicher Kunstort ständig wechselnden Bedingungen ausgesetzt. Morgens fällt das Licht anders als am Abend, im Winter bleiben Formen möglicherweise hinter Schnee zurück, und bei Regen verändern sich Farben und Oberflächen.

Auch die Betrachtenden bewegen sich. Ein Werk kann aus der Entfernung wie ein abstraktes Zeichen wirken und aus der Nähe handwerkliche Details offenbaren. Andere Arbeiten sind auf eine bestimmte Sichtachse ausgerichtet und erschliessen sich erst beim Gehen.

Diese Veränderlichkeit gehört zum Werk, selbst wenn sie nicht vollständig planbar ist. Verkehr, Vegetation und bauliche Entwicklungen können die Wahrnehmung im Laufe der Jahre verschieben. Öffentliche Kunst führt damit vor Augen, dass auch der Stadtraum kein statisches Gebilde ist.

VIDEO ZUM ARTIKEL
Kunst ausserhalb des Museums entdecken

Kunst im öffentlichen Raum


Skulpturen · Stadtraum
Wenn der Alltag zur Ausstellungsfläche wird

Das Video zeigt Kunst im öffentlichen Raum am Beispiel von Skulpturen in Basel. Es ergänzt den Blick auf Thun und verdeutlicht, wie Kunstwerke ausserhalb von Museen in alltägliche Wege und Orte eingebunden sind.

Das erwartet Sie im Video
Ein kurzer Einblick in die Wahrnehmung von Skulpturen, die Teil eines alltäglich genutzten Stadtraums geworden sind.
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Ergänzende Video-Dokumentation

Bewahren bedeutet mehr als Reinigen und Reparieren

Die Stadt Thun hat neben der Förderung neuer Projekte auch die Aufgabe, ihr kulturelles Erbe zu erhalten. Bei Kunst im öffentlichen Raum ist diese Verantwortung besonders anspruchsvoll. Feuchtigkeit, Frost, Sonnenlicht, Vandalismus und die fortwährende Nutzung eines Ortes können Materialien belasten.

Eine Restaurierung muss technische und künstlerische Fragen miteinander verbinden. Nicht jede Verfärbung ist automatisch ein Schaden, und nicht jede Alterung soll unsichtbar gemacht werden. Entscheidend ist, welche Veränderungen zur Materialgeschichte gehören und welche die Substanz oder Aussage des Werks gefährden.

Verändert sich das Umfeld, entstehen zusätzliche Fragen. Eine neue Verkehrsführung, ein Umbau oder gewachsene Bäume können Sichtachsen verdecken. Der Erhalt eines öffentlichen Kunstwerks betrifft daher nicht allein das Objekt, sondern häufig auch dessen räumlichen Zusammenhang.


Brücken, Uferwege und Plätze prägen die täglichen Bewegungen durch Thun. Kunstwerke an solchen Übergängen werden Teil vertrauter Stadtansichten.

Mit einem langsameren Blick durch Thun

Ein Rundgang zu öffentlicher Kunst braucht keine lückenlose Route. Bereits eine kurze Strecke zwischen Bahnhof, Aare, Altstadt und einem Park bietet unterschiedliche Raumtypen. Interessant ist weniger die Zahl der gefundenen Werke als die Frage, wie sie sich zu ihrem Standort verhalten.

Hilfreich ist ein Wechsel der Perspektive. Fassaden und Dächer verdienen ebenso viel Aufmerksamkeit wie Plätze und Bodenflächen. Bei plastischen Arbeiten verändert ein Gang um das Werk die Silhouette, während glänzende oder transparente Materialien auf Licht und Umgebung reagieren.

Das Kunstmuseum Thun stellt eine Auswahl der öffentlichen Werke digital vor und verknüpft Einträge mit Standortangaben. Eine solche Übersicht kann der Vorbereitung dienen, ohne die spontane Entdeckung zu ersetzen. Weitere Anregungen für einen Aufenthalt liefert der Beitrag „Thun, eine Perle am Thunersee“, der unter anderem das Kunstmuseum und das Thun-Panorama einordnet.

Historische Kulisse und zeitgenössische Eingriffe

Thun wird stark über Schloss, Hochtrottoirs, Aare und Bergpanorama wahrgenommen. Zeitgenössische Kunst tritt in diesem Umfeld nicht zwingend als Konkurrenz zur Geschichte auf. Sie kann vielmehr neue Beziehungen zwischen alten Gebäuden, moderner Nutzung und öffentlichem Leben sichtbar machen.

Gerade Kontraste schärfen die Wahrnehmung. Eine abstrakte Form vor historischem Mauerwerk wirkt anders als dieselbe Arbeit vor einer modernen Schulanlage. Materialien wie Stahl, Glas oder Plexiglas können traditionelle Oberflächen spiegeln, durchbrechen oder farblich verändern.

Die kurzen Wege der Stadt erleichtern solche Vergleiche. Der Beitrag über Schweizer Kleinstädte für ein Wochenende beschreibt Thun als Verbindung von Altstadt, Museum, Aare und See. Öffentliche Kunst fügt diesem kompakten Stadterlebnis eine weitere, oft übersehene Ebene hinzu.


Skulptur, Architektur und Vegetation bilden im öffentlichen Raum ein gemeinsames Bild. Die dargestellte Platzsituation dient als Beispiel und befindet sich nicht in Thun.

Die Stadt als gemeinsamer Verhandlungsraum

Kunst im öffentlichen Raum erreicht ein Publikum, das ihr nicht ausdrücklich zugestimmt hat. Dadurch entstehen Diskussionen über Geschmack, Kosten, Standort und Bedeutung. Was einige Menschen bereichernd finden, erscheint anderen rätselhaft oder störend.

Diese Reibung ist kein Zeichen des Scheiterns. Öffentliche Kunst kann Fragen an einen Ort stellen, Erinnerungen sichtbar machen oder eine vertraute Umgebung fremd erscheinen lassen. Ihre Wirkung beginnt häufig dort, wo eine eindeutige Antwort ausbleibt.

Zugleich verändert sich die Beurteilung im Laufe der Zeit. Ein anfangs umstrittenes Werk kann später zu einem Orientierungspunkt werden. Umgekehrt kann ein lange übersehenes Objekt durch eine Restaurierung, eine Publikation oder einen temporären Rundgang wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Das Verborgene liegt mitten im Alltag

Die versteckten Kunstwerke von Thun befinden sich nicht in geheimen Räumen. Sie stehen mitten in genutzten und bekannten Umgebungen. Verborgen sind sie vor allem durch Gewohnheit, Zeitdruck und die Erwartung, Kunst müsse sich deutlich als solche zu erkennen geben.

Wer den Stadtraum als offene Sammlung betrachtet, liest Plätze und Gebäude anders. Ein scheinbar beiläufiges Detail kann sich als bewusst gesetzte Arbeit erweisen, ein vertrauter Durchgang als künstlerisch gestalteter Ort. Aus einem gewöhnlichen Weg entsteht so eine Folge kleiner Entdeckungen.

Thuns öffentliche Kunstsammlung zeigt, dass kulturelle Teilhabe nicht erst an der Museumstür beginnt. Sie findet auch auf dem Schulweg, beim Warten, im Park oder beim Überqueren einer Brücke statt. Die Werke verlangen keinen Eintritt – nur Aufmerksamkeit.

 

Bildquellen
Titelbild: jurgenwackenhut– Depositphotos.com; Bild 1: Depositphotos.com, Bild-ID 900612106; Bild 2: Depositphotos.com, Bild-ID 763776446; Bild 3: volgariver – Depositphotos.com; Bild 4: Depositphotos.com, aallm

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